Nachhaltiger Fischartenschutz und verantwortungsvolles Kormoranmanagement in der Bodenseeregion müssen Hand in Hand gehen.
Die Fischbestände im Bodenseeraum haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Dies ist auf viele Faktoren zurückzuführen, zum Beispiel die Nährstoffsituation (der See hat heute einen viel geringeren Nährstoffgehalt als noch vor 30 Jahren), den Klimawandel, die Veränderungen der Ökosysteme durch Invasive Arten oder fischfressende Vogelarten wie den Kormoran. Bei manchen Fischarten wie der Äsche hat dies zu massiven Bestandsrückgängen geführt. Auch die Fischerinnen und Fischer spüren die Veränderungen teils massiv, z.B. in Form von stetig sinkenden Fangerträgen in der Berufsfischerei.
Seit Jahrzehnten gibt es deshalb Überlegungen, wie negative Entwicklungen abgeschwächt werden könnten und was getan werden kann, um die Situation für die Fische und die Fischerei im Bodenseeraum zu verbessern. Besonders intensiv wird in diesem Zusammenhang von Interessenvertretern der Fischerei und des Naturschutzes die „Kormoranproblematik“ diskutiert.
Der Bodenseeraum ist nicht nur ein wichtiger Lebensraum für Fische, sondern auch ein international bedeutendes Rast- und Brutgebiet für zahlreiche Vogelarten. Auch der Kormoran brütet seit Ende der 90er Jahre am See und sein Brutbestand hat einen rasanten Anstieg erfahren. Stand 2024 nisten jährlich über 1.400 Brutpaare verteilt auf mehrere Brutkolonien am Bodensee. In den zahlreichen, teilweise hitzigen Diskussionen ging es häufig um die Frage, welchen Einfluss Kormorane auf die Fischbestände und damit verbunden auf den fischereilichen Ertrag haben und welche Maßnahmen gegen Kormoranfraß ergriffen werden könnten und sollten.
- Im April 2008 fand eine von der höheren Naturschutzbehörde genehmigte Aktion gegen brütende Kormorane im Naturschutzgebiet Radolfzeller Aachried statt, die den Bruterfolg reduzieren sollte („Kalt-Ei-Aktion“). Allerdings wurde diese durch einen Naturschutzverband erfolgreich beklagt und musste gestoppt werden.
- Von Seiten der Internationalen Bevollmächtigtenkonferenz für die Bodenseefischerei IBKF wurde zwischen 2014 bis 2027 im Rahmen einer internationalen Arbeitsgruppe Kormoran am Thema gearbeitet und ein Fachbüro mit einer Studie zu einem möglichen Kormoranmanagement am Bodensee beauftragt. Diese sollte den Handlungsbedarf, Grundlagen und Möglichkeiten für ein koordiniertes Kormoranmanagement am Bodensee aufzuzeigen und erschien 2017.
- Im Anschluss gab es eine erste Ideensammlungen für ein gemeinsames Interreg-Projekt zum Kormoranmanagement am Bodensee. Dieses Vorhaben scheiterte allerdings daran, dass sich die Beteiligten aus den Bereichen Naturschutz, Fischerei und Jagd nicht auf von allen Beteiligten akzeptierte Projektinhalte einigen konnten.
Seit dem Jahr 2020 haben sich das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz sowie das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft der Thematik gemeinsam vertieft angenommen. 2022 wurde im Auftrag der Ministerien eine Vorstudie für ein mögliches Kormoranmanagement am Bodensee erarbeitet. Damit konnte eine umfassende fachliche Grundlage für weitere Schritte vorgelegt werden, die auf aktuellen wissenschaftlichen Daten und Einschätzungen basiert. Durch die Vorstudie wurde ein Handlungsbedarf für ein seeweites Kormoranmanagement aus Gründen des Fischartenschutzes aufgezeigt.
Da die Fronten zwischen Interessenvertretern aus den Bereichen Fischerei und Naturschutz verhärtet waren und um möglichst alle Akteure aus allen Anrainerstaaten an der weiteren Diskussion zu beteiligen, wurde durch die beiden baden-württembergischen Ministerien in den Jahren 2022 bis 2023 der moderierte Dialogprozess „Kormoran und Fisch“ durchgeführt. In mehr als 70 Vorgesprächen und vier ganztägigen Dialogforen wurde ausgelotet, wo die inhaltliche Schnittmenge zwischen den verschiedenen Interessenvertretern liegt. Dies war ein Novum, denn erstmalig kamen alle Interessensvertreter an einen Tisch, um sachlich und konstruktiv über die Thematiken zu diskutieren. Die Ergebnisse wurden in einem Arbeitspapier zusammengefasst.
Im Dialogprozess verschob sich der Fokus von fischereilichen Fragen hin zum Fischartenschutz. Für die Einen deshalb, weil in einem komplexen System wie dem Bodenseeraum nur ein Kormoranmanagement zur Verbesserung des Schutzes gefährdeter Fischarten den rechtlichen Rahmenbedingungen der europäischen Gesetzgebung standhält. Für die Anderen, weil für gefährdete Fischarten die Kormoranprädation als zusätzliche Belastung zu den generell schlechten Lebens- und Umweltbedingungen bestandsgefährdende Auswirkungen haben kann. Dies ist eine der inhaltlichen Schnittmengen aus dem Dialogprozess.
Der neue Fokus auf die Verbesserung des Fischartenschutzes bedeutet, verschiedene Einflussfaktoren in den Blick zu nehmen, von denen der Kormoran einer ist. Auf dieser Grundlage wurde 2024 bis 2025 ein von der Internationalen Bodenseekonferenz IBK gefördertes Vorprojekt durchgeführt, das den Rahmen für das vorliegende Interreg-Projekt „Fischartenschutz und Kormoranmanagement am Bodensee“ legen sollte. Die Ergebnisse dieses Vorprojekts:
- Grundüberlegungen zu einem länderübergreifenden Projekt zur Verbesserung des Fischartenschutzes in der Bodenseeregion
- Eine Analyse der Fokus-Fischarten, auf die das Projekt abzielt
- Die Erstellung einer Machbarkeitsstudie zum Einsatz von Drohnentechnologie zur Reduktion des Bruterfolgs des Kormorans
- Die Projektstruktur des vorliegenden Projekts sowie die Antragstellung
Die Handlungsmöglichkeiten eines dreijährigen bodenseeweiten Interreg-Projekts sind begrenzt. Das Vorhaben konzentriert sich darum auf die Gewinnung neuer Erkenntnisse in der regionalen Zusammenschau, auf die Verbreitung von Erfahrungswissen und auf die pilothafte Erprobung neuer Methoden, welche dann hoffentlich in eine dauerhafte und nachhaltige Umsetzung gehen können.